Detailabbildung: Ralph Hinz | o. T. | 2010
Inkjetprint auf Leinwand | 110 x 80 cm

Ausstellungskonzept

T[raum]a – Die Phobie als Muse
Rebeccah Blum & Jennifer Bork
Kuratorinnen der Künstlerplattform
Ausstellungsarchitektur: Michael Heim - Übersichtsplan

Die Bedrohung durch den Raum - die Angst vor dem Untergehen in der Enge der Masse oder die Auflösung in der Leere des Raumes - beides soll auf der Künstlerplattform des Kunstfrühlings 2011 thematisiert werden. In Fortführung des letzten Kunstfrühlings, der die Gleishalle in ihrer Eigenschaft als industrieller Gebrauchsraum betonte und auch den ruinösen Zustand und die materialästhetische Rohheit thematisierte, möchten Rebeccah Blum und Jennifer Bork auf der Künstlerplattform 2011 die Sicht auf den riesigen Raum radikalisieren, indem sie seine unheimliche Gestalt betonen. Die Fragilität der Bausubstanz, die riesigen Dimensionen, die dunklen Ecken und das ausgeprägte Echo bilden den Ausgangspunkt für die Frage nach der Angst vor dem Raum. Der ehemalige Umschlagplatz und Knotenpunkt von Handel, Interaktion und Kommunikation ist nun mit einer Aura von Vergangenheit, Verlassen und Vergessen belegt. Die alte Gleishalle am Güterbahnhof erscheint als unheimlicher Unort - als "locus terribilis". Im Zentrum steht das Experiment den Raum mit dem phobischen Blick zu betrachten. Im chaotischen Emotionsgefüge des von Raumangst erfüllten entfremdet die verrückte Perspektive den Raum in sehr starkem Maß und macht ihn zur feindlichen Umgebung. Die Künstler können das Thema Angst aufgreifen, auf die starke Raumpräsenz eingehen und diese verstärken, sich gegen den Raum verbünden, ihn leugnen, dem Sichtfeld des Betrachters entziehen, ihn beleben, strukturieren oder einfach flüchten. Entgegen einem tatsächlich von pathologischer Phobie Betroffenen bleiben die künstlerischen Strategien vielfältig.

Zusätzlich zur Komponente des Raumes zeigt die Thematisierung der Angst deren Janusköpfigkeit auf. Angst kann lähmen und gleichzeitig beflügeln. Die Phobie als Muse? Warum nicht? Angst ist eine starke, körperliche Erfahrung, der sich manche Menschen bewusst aussetzen um den Adrenalinstoß als rauschartigen "Kick" zu verwenden. Sie ist ein kraftvolles Gefühl, das die Macht hat, ein großes kreatives Potenzial zu entfesseln. Entgegen dem idyllischen Bild der Musen, den Schutzgöttinnen, die dem Künstler die Hand führen und ihn inspirieren, wird der Versuch gewagt, sich von der Phobie leiten zu lassen. Dies ermöglicht zudem eine neue Perspektive hinsichtlich der räumlichen Situation. Beispielhaft soll hier der Begriff der Agoraphobie (Platzangst – z. B. Angst vor weiten Plätzen) angeführt werden, bei der der phobische Blick die reale Raumsituation in ihr Gegenteil verkehrt - den Raum gleichsam umschlagen lässt. Obwohl sich der Betroffene einer expansiven Platzsituation ausgesetzt sieht, erscheint ihm, durch die Brille der Angst blickend, der eigene Raum auf ein Minimum verknappt. Die Einschränkung von Handlungsspielraum und gleichzeitig das Bedürfnis diesen Handlungsspielraum zurückzuerobern ist die zentrale Herausforderung. Damit stellt sich die Ausstellung auch der eigenen Angst. Sie versteckt ihre Problematik nicht, sondern macht sie zum Ausgangspunkt der Überlegungen. Was bedeutet eine Gruppenschau mit über 50 Künstlern für den Einzelnen? Wie fühlt es sich an Einer von vielen zu sein? Wie behauptet man das Eigene in der Masse? Was passiert mit den Arbeiten in einem räumlichen Kontext, der eine starke Eigenpräsenz, gleichsam eine Aura, mitbringt?

Obwohl die Wahl der phobischen Raumwahrnehmung auch eine bewusste Abgrenzung von einem rein "frühlingshaften" Thema darstellt, vermittelt die Ausstellung kein dunkles und schweres Gefühl. Es geht vielmehr darum, eine neue, extreme Perspektive im Hinblick auf bereits Bekanntes zu etablieren und das schöpferische Potenzial eines "Ausnahmezustands" auszuloten.