BBK Jahresausstellung 2026 - "Common Ground"

BBK-Jahresausstellung 2026

Common Ground

26. Juli – 21. August 2026

ELFIN AÇAR, SOPHIA BIZER, KATJA BLUM, FRANCA BROCKMANN, FELIX DREESEN, ARIA FARAJNEZHAD, ADA HILLEBRECHT, ATSUSHI MANNAMI, LU NGUYEN, SEUNGHYUN SEO, UL SEO, KATJA STRIEDELMEYER, YULIYA TSVIATKOVA, FRANZISKA VON DEN DRIESCH, CARLOTTA VON HAEBLER

Eröffnung am Sa, 25.07., 19 Uhr

Veranstaltungen:

20:30 Uhr
Tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt, No.3 Performance von Carlotta von Haebler, gemeinsam mit Hannah Alena Herb und Natascha Merckens

So, 26.07., 11 Uhr
Die unsichtbare Stadt
Stadtführung mit StattReisen Bremen, eingeladen von Felix Dreesen

Do, 06.08., 19 Uhr
I thought this was the ground.
I was in search of common ground and other elevations.
Performance von Sophia Bizer anschließender Ausstellungsrundgang
mit der Kuratorin Maxie Kiwitter & beteiligten Künstler*innen

Do, 13.08., 19 Uhr
Ausstellungsrundgang mit Maxie Kiwitter & beteiligten Künstler*innen

ÖFFNUNGSZEITEN: Do-So, 14-19 Uhr

TOR 40
Güterbahnhof Bremen
Beim Handelsmuseum 9
28195 Bremen

Common Ground fragt nach dem, was schon da ist: ein geteilter Boden, eine Zwischenzone, ein Feld von Überschneidungen. Gemeint sind Zustände, Spannungen, Provisorien, aber auch Orte oder Momente, in denen etwas gemeinsam wird, ohne sich vollständig anzugleichen. Welche Formen von Nähe und Distanz, von Abgrenzung und Verbundenheit werden sichtbar? Wie verändern sich Perspektiven, wenn etwas geteilt wird? Welche Linien lassen sich ziehen, welche bleiben vage, widersprüchlich oder nur für einen Moment erkennbar?

Common Ground versteht Gemeinsamkeit dabei nicht zwangsweise als harmonischen Zustand, sondern auch als etwas Vorläufiges, Verschiebbares. Gemeinsamer Boden kann brüchig, konflikthaft oder lückenhaft sein und gerade darin sichtbar werden: in Reibungen, Überlagerungen, parallelen Bewegungen oder bloß kurz aufflackernden Anschlussstellen, die ebenso schnell wieder verschwinden können.

Die Ausstellung wird freundlich unterstützt von der Karin und Uwe Hollweg Stiftung und der Waldemar Koch Stiftung.
 
 

 (aAlle Texte: Maxie Kiwitter, Kuratorin

Alle Fotos: Jens Weyers (außer Sophia Bizer)

Sophia Bizer 

I thought this was the ground

Sophia Bizer geht mit ihrer performativen Praxis in eine Resonanz zu Räumen, rückt kaum wahrnehmbare Details ins Zentrum, überträgt Maße in neue, körperliche Messbarkeiten. Die improvisierte Performance I thought this was the ground. I was in search of common ground and other elevations versteht die Ausstellung im Tor40 selbst als common ground, an dem Künstler*innen, ihre Arbeiten und Besuchende für eine begrenzte Zeit in Kontakt kommen und sich gegenseitig beeinflussen.

Die Performance fand am 6. August statt.

Fotos: Maxie Kiwitter

Lu Nguyen

Tiếp diễn #2, 2026
Lehmputz, Spiegelfragmente, Pigmente und Glimmer
Maße variabel

Lu Nguyen nutzt die Zirkulation von Materialität und Form, um zu fragen, welche Erzählungen sich darin einschreiben und wie sich Spuren einer kolonialen Vergangenheit kontinuierlich weitertragen.

Für ihre Arbeit Tiếp diễn #2 recycelt sie Materialien vergangener Werke, löst bereits geformte Objekte – Fliesen, die an ihre Kindheit im Vietnam der 1980er-Jahre erinnern – wieder auf. Aus den daraus gewonnenen Pigmenten entstehen neue Formen, die sich ebenso nach Ende der Ausstellung anders fortschreiben. 

Katja Blum

öl_0125a-d, 2025 Öl, auf Papier, je 30 x 41,5 cm

Die Arbeiten von Katja Blum entziehen sich eindeutigen medialen und formalen Zuschreibungen. Das, was auf den ersten Blick als Fotografie oder Grafik erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Malerei. Durch formale Variationen und Wiederholungen, Schichtungen und klaren Setzungen entstehen darin Räume.
Laden diese dazu ein, begangen zu werden oder verschließen sie doch eher Zugänge? 

 

Franziska von den Driesch

Flip, 2026, Tintenstrahldruck, Vinylfolie, Isolierglas, Maße variabel

Franziska von den Driesch verdichtet für ihre Arbeit Flip fotografische Beobachtungen aus dem Bremer und Bremerhavener Stadtraum: Auf Isolierglas sind fragmentarische, sich überlagernde Schriftzüge von Wettbüros, Bars, Spielhallen und 1Euro-Shops zu erkennen. Sie versprechen Glück und Aufstieg und manifestieren kollektive Sehnsüchte. Gleichzeitig verschließen sie sich mit ihren undurchlässigen Schaufenstern dem öffentlichen Raum. Während sie in ihrer Verdichtung kommerzielle Heilsversprechen offenbaren, bleibt deren Scheitern bereits in ihren Oberflächen eingeschrieben.

Felix Dreesen

Transit (Birke/Palette), 2026
Hänge-Birke, Kunststoffblumentopf, Halbpalette, Maße variabel

Eine Birke ragt bis unter die Decke des Tor40. Sie steht in einem längst zu klein gewordenen Blumentopf, in dem sie sich vor Jahren selbst angesiedelt hat. Daneben sprießt ein wenige Wochen junger Robinien-keimling, Nachkomme eines auf dem Güterbahnhof umgestürzten Baumes. Beides sind Stellvertreter-innen spontaner Vegetation. In vielen seiner Arbeiten, so auch hier, beschäftigt sich Felix Dreesen mit den Übergängen und Fundstücken, Naturen und Kulturen in Stadt- und Landschaftsräumen.

Franca Brockmann

Siebzehn Meter, entflochten, 2026 entflochtener Maschendraht, 2,5 x 2,5 m

Zäune trennen, grenzen aus, schließen ein. Sie könnten aber auch als materielle Form von gesellschaftlicher Spaltung gelesen werden, wenn die Kommunikation unter-einander nicht (mehr) funktioniert.
Für ihre Installation hat Franca Brockmann siebzehn Meter Maschendrahtzaun entflochten. Mit der Entflechtung verliert er seine separierende Absicht und öffnet neue Möglichkeiten: Wenn Flechten die gesellschaftliche Funktion von Fürsorge und Pflege hat, kann das Entflechten nicht eine ganz ähnliche Rolle einnehmen?

Elfin Açar

Auf die Spitze getrieben, 2026, Acryl auf Leinwand, 2 x 1,4 m

In ihren farblich intensiven Malereien übersetzt Elfin Açar subjektive Zustände wie Zugehörigkeit, Erfahrungen und Identität in abstrakte Landschaften. Für die in common ground gezeigte Arbeit verknüpft sie die großflächigen Formen mit Abdrucken verschiedener Spitzenstoffe – ein Material, das sie mit Erinnerungen an ihr Aufwachsen verbindet.

Atsushi Mannami

Der nutzlose Mann, 2025, Handyfotografien, Laserdruck auf gefundenem Karton, selbstgebauter Rahmen, je 10,8 × 8,8 cm

Zerbrochene Türscheiben, halbfertige Anstriche, freiliegende Baukonstruktionen. In der Fotoserie Der nutzlose Mann geraten provisorische Strukturen und Zustände in den Blick, die er bei seinen täglichen Spaziergängen durch die Stadt beobachtet und tagebuchartig festhält. Einige scheinen fast absurd und unklar in ihrer Funktionalität; wieder andere verändern sich oder verschwinden im Verlauf der Zeit. Die Bilder erzählen von Wandlungsprozessen des öffentlichen Raums, die sich oftmals unserer Wahrnehmung entziehen und kommen hier als mehrstimmige, sich überlagernde Konstellation zusammen.

Aria Farajnezhad

Now Is No Time At All, 2019/2023, Video, 9:47 min

In der Videoarbeit Now Is No Time At All reflektiert Aria Farajnezhad die Ästhetik inszenierter Kollisionen und die Frage danach, wie Gewalt ritualisiert, verbreitet und in den Alltag integriert wird. Aufnahmen von Infrastrukturen, die im öffentlichen Raum dazu dienen, ein Weiterfahren zu verhindern, stehen hier musikalischen, perkussiven Techniken namens Zinat gegenüber. Diese unterbrechen den strengen Takt der Musik oder lösen das Tempo vollständig auf. So imaginiert auch Now Is No Time At All über andere Rhythmen und andere Zukünfte.

Seunghyun Seo

a) Auf dem Weg nach Hause, 2025
Aluminiumguss 92 x 50 x 53 cm

a) Ein heißer Sommertag in Bremen, 2025
Aluminiumguss 50 x 45 x 28 cm

Auf ihren Spaziergängen schafft Seunghyun Seo temporäre Skulpturen, für die sie fast ausschließlich Materialien nutzt, die sie vor Ort findet. Mal sind es Äste, einander mal alte Regenschirme. Für den Innenraum überträgt sie die spontanen Skulpturen in Aluminiumgüsse – hier eine Serie von Spargelstängeln und Eisverpackungen. Wie auch im öffentlichen Raum bleiben die Skulpturen temporär: Sie fallen um, dürfen neu angeordnet und aufgestellt werden, bevor sie wieder eingeschmolzen und zu neuen Skulpturen weiterverarbeitet werden.

Ada Hillebrecht

Vorhang, 2022, glasierte Keramik, Maurerschnur, Rundstahl, Maße variabel

Kollektive Räume sind geprägt von einem stetigen Ausloten von Nähe und Distanz, Abgrenzung und Verbundenheit.
Ada Hillebrecht greift diesen Zustand in ihrer Arbeit Vorhang auf: abgeformte, keramische Handgriffe, die aufgereiht an Maurerschnur hängen, teilen den Raum. Dennoch lässt dieser Vorhang Durchlässigkeiten zu, lässt erkennen, was sich gegenüber befindet. Material, was eigentlich Grenzen zieht, verbindet hier individuelle Handabdrücke zu einem kollektiven Moment.

Ul Seo

5 Pencils, 2026, Digitaldruck, Bleistiftspäne,
Rahmen: 40 x 50 cm

Ul Seos Fotografien zeigen allesamt Bleistifte. In ihrer Funktion sind sie eigentlich zur Aufzeichnung bestimmt, dienen hier jedoch der starren Kategorisierung in Left-Handed, Right-Handed, Ambidextrous, Non-Handed oder Universal. Der Akt des Spitzens dekonstruiert die soziale Einordnung, entlarvt den Disclaimer im Foto und reduziert die werblich präsentierten Objekte auf wertlose materielle Fragmente. Wie in vielen seiner Arbeiten untersucht Ul Seo auch hier, welche sozialen Zuschreibungen sich in Objekten einschreiben können.

Carlotta von Haebler

Tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt, No.3, 2026, Ölkreide auf Millimeterpapier, Papiertaschentücher, Tränen-auffänger, Maße variabel

Carlotta von Haebler untersucht mit ihrer Performance Tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt, No.3 den Akt des Weinens und der Klage als transformative Praxis: Wie klingt Trauer und Verletzlichkeit und wie lassen sich diese als ein kollektives Gefühl begreifen und in einen geteilten Raum der Verbundenheit transformieren. Die
übergroßen Papiertaschentücher aus der Performance bleiben als verlassene Klangkörper im Raum zurück. 
Die gleichnamige Zeichnung an der Wand knüpft daran an und entsteht nach der Performance – eine Auseinandersetzung damit, wie sich dieser Klang transkribieren lässt.

Katja Striedelmeyer

Peat Stories Vol. 1: Ireland, 2025 Video 34:19 min, Kissen gefüllt mit Pflanzenmaterial aus der Destillation, Duftdestillate aus Torf und Moorpflanzen, Materialien aus Moorlandschaften

Katja Striedelmeyer collagiert in Peat Stories Vol.1 Moorlandschaften Irlands als geteilten Lebensraum, in dem sich gesellschaftliche, ökologische und persönliche Erfahrungen überlagern. Wie schreibt sich menschliches Handeln in diese Landschaften ein und wie beeinflussen die Moore wiederum das gesellschaftliche Leben? Die Arbeit verknüpft regionale Objekte und Düfte aus Torf und Moorpflanzen mit einem Film, der familiäre, industrielle, wissenschaftliche, künstlerische und aktivistische Perspektiven auf diese Fragen zusammenbringt. Folgende Materialien aus den Moorlandschaften sind Teil der Arbeit: Teeflasche aus Gragans Bog, Holzstück aus Derrinboy Bog, Holzfasern mit Torfanhaftungen aus Bloomhill Bog, Torfstück aus dem Moor auf dem Slieve Elva, Pflanzenmakrofossil von einer Windfarm im Moor in Co. Offaly, Moorbutter aus Carrownagappul Bog, Stein aus Lemanaghan Bog, Wurzelstück aus Lemanaghan Bog, Stein mit abgeplatzter Mergelschicht und freigelegtem Pflanzenmakrofossil, Skulptur von Brian Gorman aus ca. 5000 Jahre alter Mooreiche aus Coolagh Bog, versteinerte Holzstücke aus Lemanaghan Bog, Mooreisenerz aus Lemanaghan Bog, Stein mit Mergelanhaftungen aus Bloomhill Bog

Yuliya Tsviatkova

In the animal’s skin, 2025, Video 14:10 min, Metallstruktur, Folie, Betonsitze, Maße variabel

In der Videoarbeit In the animal’s skin untersucht Yuliya Tsviatkova die polnisch-belarussische Grenze, die durch den Białowieża-Wald verläuft. Die Grenzmauer, die quer durch das Naturschutzgebiet schneidet, trennt den Lebensraum vieler Tiere und verunmöglicht Schutzsuchenden eine sichere Flucht. Parallel dazu stieg hier in den vergangenen Jahren die Zahl illegaler Push-Backs und die systematische Verhinderung ziviler humanitärer Hilfe. So wird der Wald zum stillen Zeugen von Gewalt, Kontrolle und Abschottung.

Felix Dreesen 

Stadtspaziergang am Sonntag, 16. August, 11 Uhr

Unter dem Titel Die unsichtbare Stadt führt Felix Dreesen gemeinsam mit Stattreisen Bremen entlang von Bäumen, (Grund)Steinen und (Grund)Wasser mit einem Fokus auf temporäre Zustände und deren Spuren sowie An- und Abwesenheiten von Erwartetem und Unerwartetem durch die Bahnhofsvorstadt.

Der Stadtspaziergang läuft zwischen Güterbahnhof, Bahnhofsvorplatz und Wallanlagen (höhe Herdentor).